Alle Kneipen sehen hier gleich aus. Der Putz bröckelt von der Decke und der Lack vom Holz der Türrahmen und Fenster. Es ist dunkel und verraucht. Glühbirnen verstecken sich unter weißen Schirmen oder hängen, gekonnt gedimmt, von der Decke. Oder wurden abgehängt, oder waren nie da. Alles wabert heimelig. Hier und dort und auf jedem Tisch fackert eine Kerze. Die Flammen schlagen wild um sich und werfen Schatten auf grob verputze Wände. Aus den Kerben der Aschenbecher steigen Rauchgebilde auf. Die Musik ist halbwegs laut, wie auch die Menschen. Aneinander gekoppelt steigt der Pegel. Irgendwo steht ein Pult für die Dj's. Hin und wieder sind sie da. Es ist schön hier und egal wohin Ich gehe.

Die Supermärkte auch. Viereckige Fließen sind in Neonlicht getaucht und Regale recken sich weit in die Höhe. Ganz oben steht das Exklusive und darunter lange Zahlen. Auf Augenhöhe die Ware für Otto Normal und knapp über dem Boden die Schnäppchen. Wer kein Geld hat bückt sich, verbeugt sich oder geht in die Knie. Das ist schlecht für viele Rentner. An einem Ort ein Tüten-, an einem anderen ein Schachtelquartier. Eines für Flaschen und Dosen und eines für Obst und Gemüse. Äpfel neben Birnen, Kartoffeln neben Zwiebeln und Kakis neben Papayas. Wäre ja auch komisch Pfaumen neben gelbe Rüben zu legen. Es gibt so etwas wie eine Hauptstraße. Hier läuft man in einer Richtung. Links und rechts erstreckt sich ein Netz aus schmäleren Gängen, dessen Struktur der Kartographie Manhattens oder Mannheims nahe kommt. Manchmal packt mich ein anarchisches Gefühl und Ich gehe den Weg umgekehrt. Samstagabend macht das Spass.

An den meisten Stränden liegen viele Menschen und werden zu Bratwurst. Die roten sind häufg aus England oder Deutschland. Am Nachmittag ist außer ihnen fast niemand dort. Nur vereinzelt ziehen Verkäufer vorbei. Es gibt Sonnenbrillen und Eis, Armbändchen und lokal variierend verschiedene Souvenirs. Zur blauen Stunde kommen Menschen von überall aus allen Richtungen angelaufen. Die Sonne baut jedem eine glänzende Straße. Dann wird sie größer und färbt sich orange. Farbenfrohe Gebilde ziehen sich über den ganzen Himmel und spiegeln sich gewellt im Meer. Jetzt ist es romantisch. Menschen machen Fotographien, sehen andächtig in die Ferne oder Küssen sich. Oder lassen sich beim Küssen foto-graferen, oder beim andächtig in die Ferne sehen. Plötzlich ist der Himmel wieder blau und dann schwarz. Die Versammlung löst sich auf. Mitten in der Nacht kommen riesige Staubsauger, gezogen von fast ebenso riesigen Traktoren. Die Romantik ist vorbei. Sie saugen den halben Strand auf und speien ihn, in hohem Bogen, rücklings wieder aus. Wer jetzt noch hier ist, muss sich fühlen wie bei Sturm in der Sahara. Sand in den Kleidern, Sand in den Haaren und Sand in den Augen. Es gibt auch Strände ohne Staubsauger. Statt Bratwürsten liegen dort leere Flaschen, Zigarettenschachteln, Shampooverpackungen, Tüten, Aufkleber und viel Plastik, dessen ursprüngliche Bestimmung schwer auszumachen ist.

Stadtbahnen verkehren elektrisch betrieben. Sie fahren ruckartig an, beschleunigen, bremsen ab und halten ruckartig. Ein währender Zyklus, der für den Verdauungstrakt vieler Reisender anstrengend ist. Die Sitzgruppen sind in Zweier- und Viererformationen ein-geteilt. Sie sind einheitlich bezogen, fast rechtwinklig und werden als hart empfunden. Grelles Neonlicht offenbart Pickel und andere Details. Die Luft ist dünn. Sie ist normal bis kühl optimiert. Morgens füllt sich die Bahn rasant. Einige Passanten legen Taschen auf den Sitz zwischen sich und Fenster. Viele stehen und halten sich an laschen, die von der Decke baumeln. Es wird stickig und Schweiß-geruch sticht in der Nase. Müde Augen starren auf Smartphone-bildschirme. Türen Piepen hochfrequent. Beim öffnen monoton und beim schließen hektisch. Die meisten Menschen schweigen. Gespräche werden von Lautsprecheransagen unterbrochen. Sie kündigen Haltestellen an und warnen vor Abständen zwischen Zug und Bahnsteigkanten. Zug und Bahnsteigkanten scheinen nicht sonderlich kompatibel zu sein. Mittags sind die Bahnen eher spärlich besetzt. Am Abend wiederholt sich das morgendliche Ritual. Die Nacht gleicht dem Mittag, nur sind einige Menschen lauter. Manche lachen und machen Witze, andere pöbeln und suchen Streit. Beim an- und abfahren rollt hin und wieder eine leere Flasche vorbei.

Eine schäbige Tür. Der Lack löst sich vom Holz und die Scheiben sind durch Plakate verdeckt. Ich trete ein. Auf den Tischen stehen je ein Aschenbecher, eine Kerze und eine Blume. Auf zweien fehlen die Blumen. Im hölzernen Tresen ist, zweckentfremdet, eine Türe verbaut. Ein unbesetztes Dj Pult verstaubt im Eck. In der Mitte des Raums sitzen fünf Gitarristen im Stuhlkreis. Vier spielen den Rhythmus eines Swings, während der fünfte soliert. Die Menschen reden und lachen und in der Luft liegt Rauch. Bilder hängen an den Wänden. Vereinzelt montierte Lampen machen sie sichtbar. In undefnierbaren Landschaften, die sich im Nichts verlieren, er-strecken sich Meere aus Mohnfeldern, recken sich zerfallende Treppen gen Himmel, stehen Türen ins Bodenlose und einsame Menschen scheinen in sich zu Ruhen. Sehnsüchtig und schön. Von diesen Wänden geht jene Melancholie aus, die einen einlädt, in ihre wohlig, warme, dickfüssige Masse einzutauchen, in der man sich treiben lassen und verlieren kann. Deren Schwere einen beim Auftauchen den Wind spüren, die Vögel zwitschern hören und die frische Luft und ihre Düfte genüsslich einsaugen lässt.

Draußen, vor der Tür, scheißt ein Hund auf den Bordstein.